Ernüchterung und Lichtblicke
Kirchhof unterliegt Nürtingen klar – Koltschenko und Reimbold zurück – Grimm ganz groß

Baunatal – Automatismen und Routinen sind im Sport wesentliche Erfolgsfaktoren. Neben dem Selbstvertrauen und Selbstverständnis wichtiger als das reine Talent und das Potenzial. Das mussten die Handballerinnen der SG 09 Kirchhof zum Auftakt der 2. Bundesliga gegen die SG Nürtingen-Zizishausen leidvoll erfahren. Denn der eingespielte Vizemeister der Vorserie machte nach einem 6:7-Rückstand kurzen Prozess und landete in Baunatal einen 37:23 (21:12)-Kantersieg.
„Nürtingen ist eine der schnellsten Mannschaften der Liga. Wir haben sie immerhin in der ersten Viertelstunde überraschen können“, erklärte SG-Coach Christian Denk. Dies war schon deutlich mehr als beim jüngsten Heimspiel der Löwinnen gegen das Team von Trainer Manel Cirac, das kurioserweise ebenfalls nicht in der heimischen Stadtsporthalle stattfand. Mit 0:5 (6.) und 6:15 (22.) hatte Kirchhof am 28. Dezember 2025 gegen Nürtingen zurückgelegen, um letztlich in Rotenburg mit 28:37 zu unterliegen.
Nach erster Zeitstrafe folgte ein 1:11-Lauf
Jetzt aber sorgten Kreisläuferin Nora Lundell als neue Kapitänin zusammen mit Juliana Wagner im Mittelblock und Katharina Koltschenko sowie Vanessa Ulrich als aggressive Halbe dafür, dass die Fantasie auf eine Verbesserung der Deckungsarbeit vorhanden ist. Besonders die gebürtige Baunatalerin Koltschenko ist nach 15-monatiger Leidenszeit ein echter Gewinn. Schon vor dem Spiel hatte sie den meisten Applaus erhalten, auch wenn die offizelle Zuschauerzahl von 286 arg enttäuschend war. Die 24-Jährige wurde zunächst ausschließlich in der Abwehr eingesetzt. Dadurch hatte Jule Hertha den Rücken frei und konnte im Angriff mit ihrem Eins-gegen-Eins und Unterarmwürfen glänzen. Um jedoch höher zu führen als mit 7:6 (12.), hätte es auch einer guten Leistung im Tor bedurft. Doch der Einstand für Nicoleta Petre ließ reichlich Luft nach oben.
Wie fragil ein Team mit vier Neuzugängen in der Anfangsformation ist, belegt der erste Rückschlag. Die Zeitstrafe gegen Lundell in der 13. Minute. In Unterzahl kassierten die Grün-Weißen zwei Gegentreffer durch Maxime Luber. Die einzige Neue in der ersten Sieben des Gegners, die in Gleichzahl zwei weitere Tore folgen ließ. Der Anfang der Luber-Gala, der zehn Treffer bei zehn Versuchen aus dem Spiel heraus gelangen. Bevorzugt über den Gegenstoß, ehe sie als elften Streich vom Siebenmeterpunkt erfolgreich war. „In dieser Phase wurden wir überrannt. Ärgerlich ist aber auch, dass wir uns wieder einige überhastete Abschlüsse genommen haben“, haderte Denk. Juliana Wagner, Dana Krömer und Vanessa Ulrich leisteten sich die meisten Fahrkarten, weil sie zu ungeduldig agierten, als sie ihrem Team helfen wollten. Womit nach einem 11:1-Lauf zum 17:8 durch Rückraumspielerin Annika Distel schon alles zu Gunsten der Baden-Württembergerinnen entschieden war (25.).
Doch es gab sie, die Lichtblicke bei den Löwinnen, die nicht aufsteckten. Neben Koltschenko feierte mit Chantal Reimbold die zweite Baunatalerin im Team eine vielversprechende Rückkehr nach ihrer Fußverletzung. Mit 62,5 Prozent hatte sie nach der neuen Linksaußen Lea Walkowiak (80 Prozent) und Spielmacherin Hertha (71,4) die drittbeste Quote derer, die sich zumindest zwei Würfe genommen hatten. Angetan zeigte sich Denk zudem von der Vorstellung von Lydia Jakubisova. Von der frisch verpflichteten Rechtsaußen, die 53 Minuten lang mitwirkte und zwei souveräne Tore dank gutem Stellungsspiel und per Heber erzielte. Alles andere als selbstverständlich für eine 44-Jährige, die ihre Karriere eigentlich längst beendet hatte. Zumal nach einer wilden Trainingswoche mit späten sowie unregelmäßigen Zeiten in Guxhagen, in der Zweifeldhalle, in Röhrenfurth, in Baunatal und im Fitnessstudio. Fordernde Tage für die Löwinnen, bei denen mit Anni Schmidt das nächste Eigengewächs des goldenen Jahrgangs 2009 ihr Premierentor erzielte – als Kreisläuferin und Rechtshänderin als Aushilfe auf Rechtsaußen. Über 15:29 (44.), 19:33 (52.) und 22:34 (57.) lag Kirchhof jeweils klar zurück.
Lächeln und Applaus für erste Paraden
Wenig Wunder waren die meisten Kirchhof-Spielerin im Anschluss ziemlich enttäuscht. Die rühmliche Ausnahme bildete Pauline Grimm. Die 16-Jährige, die schon extrem glücklich war, dass sie erstmals überhaupt im Kader stand. Als A-Jugendliche, die über ihrem Heimatverein HSG Bad Wildungen und die HSG Hoof/Sand/Wolfhagen 2024 zur SG 09 gewechselt war. „Ich möchte von den Großen lernen. Die Mannschaft und das Trainerteam machen es mir super leicht“, erklärte die 1,72 m große Torfrau. Denk hatte Grimm beim Stand von 14:25 (37.) ins Spiel gebracht. Gegen Nele Nusser parierte sie per Fuß (42.), gegen die freie Nina Fischer (46.) und Kreisläuferin Vivien Natalello ebenfalls (48.). Sogar einen Siebenmeter hielt sie – gegen keine Geringere als die Spieler des Saison 2025/26, Torschützenkönigin Lisa Fuchs (49.). Quittiert mit einem stolzen Lächeln und Applaus von der Bank und den Rängen.
„Pauline hat in der A-Jugend eine überragende Vorbereitung gespielt. Ich hatte ein gutes Gefühl, sie hat das Vertrauen gerechtfertigt“, lobte der Coach, während Torwarttrainer Stephan Nocke seinen Schützling immer wieder motivierte. „Ich soll warten, einfach möglichst lange warten“ gab das Talent den wichtigsten Tipp preis. Und freut sich nun auf die nächsten Einheiten bei den „Großen“, zu denen sie stets von ihrer Mutter chauffiert wird. Noch mehr würde sie indes die ersten Punkte mit ihrer Mannschaft feiern.SEBASTIAN SCHMIDT
Kirchhof: Feller, Grimm (7 P./12 GT.), Petre (4/25) - H. Wagner, Reimbold 5, Koltschenko 1, J. Wagner 4/1, Hertha 5, Lundell 1, Walkowiak 4, Jakubisova 2, Schmidt 1, Ulrich, Krömer, Janicka.
Nürtingen: Leenen (5/7), Sander (11/16) - Fischer 2, Jaron 1, Wieder 2, Bühler, Nusser 6, Ehrhardt 2, Seeger 3, Luber 11/1, Fuchs 3, Distel 5, Natalello 2.
SR: Blümel/Lincker. Z: 286.
Siebenmeter: 2/3:1/3.
Zeitstrafen: 10:4-Minuten.
Quelle: HNA vom 31.08.2026
Foto: Pressebilder Hahn

















